Der Weg

„Wo das Wort von zu Hause bei mir ist, finde ich in der Fremde meinen Weg.“ Dietrich Bonhoeffer

In unserem Haus wohnt jetzt eine Grossfamilie, die wochenlang auf der Flucht war von Afghanistan über den Iran, Syrien, Griechenland etc. viele Meilen zu Fuss, im Schlauchboot übers offene Meer, mit kleinen Kindern von Land zu Land- bis sie endlich die deutsche Grenze passierten konnte und für drei Monate in einem Übergangslager notdürftig untergebracht war. Als sie dann zu uns ins Gasthaus kam, war die erste Frage von Mecid dem Vater der sieben Kinder: “ Wielange dürfen wir bleiben?“ Und die gleich anschliessende Frage: “ Gibt es einen Arzt für uns? Meine Frau ist schwanger.“Foto 1

Bis zuletzt war nicht klar, wer zu uns kommt, aus welchen Land oder Hintergrund, ob Familie oder elf Einzelpersonen. Die Behörden versuchen ihr Bestes, doch überall wird nach Struktur und Form gesucht, was für eine Zeit! Stevi blieb in der ersten Nacht  bei unserer Afghanischen Familie, weil schon Nachmittags als die Familie gerade eingetroffen war, und wir noch bei Kaffee und Kuchen zusammensassen, feindlich prüfende Blicke unsere Fenster streiften, so dass der Ortsvorsteher höchstpersönlich vom Kaffeetisch aufstand, um den Passanten nahezubringen, dass eine ausländische Familie im Gasthaus ihr neues Quartier findet und keine einzelnen Männer. Trotzdem erlebten wir einen wundervollen Nachmittag. Als die Familie realisiert hatte, dass das Gasthaus ihr neues Zuhause ist und wir nur den Berg hoch entfernt sind, war die Freude gross. Als sie dann ihre neuen Zimmer auf zwei Etagen erkundeten hörte man das Lachen der Kinder im ganzen Haus.

Ein paar Tage später…IMG_3567

Die erste grosse Hürde “ Sprachbarriere“ gilt es als Erstes zu überwinden, um überhaupt einfachste Infos z.B den Gebrauch einer Waschmaschine, richtige Mülltrennung, regelmässiges Lüften und schliesslich Persönliches auszutauschen. Mit Hilfe eines Handy-Translators, dem Glück einer Afghanischen Schwägerin, die per Telefon beim Übersetzen hilft, einem Freund, der fliessend persisch spricht und regelmässig vorbeikommt oder mit Händen und Füssen schaffen wir es uns zu verständigen. Schon vom ersten Tag an, haben wir ein herzliches Miteinander, es wird viel gelacht, sehr viel Tee getrunken und viel Deutsch gelernt!

Ein paar Wochen später:

Die vier ältestens Mädchen gehen nun zur Schule und drei Mal in der Woche hilft eine Dame aus unserem Team  beim Deutschunterricht. Auch Mecid und seine Frau lernen mit, nicht so schnell wie ihre Kinder allerdings:)IMG_3630
Einmal in der Woche kommt Joni aus unserem Team vorbei, um der grössten Tochter und Papa Mecid Gitarrespielen beizubringen. Im Sommer wollen wir Musik-und Keramikkurse auch für andere Kinder aus Röhrsdorf und Umgebung anbieten.
Die ersten Wochen verbrachten wir fast täglich mit unseren Afghanischen Freunden: Bei Arztbesuchen, Behördengängen, Einkäufen, Übersetzungen, Ausfüllen von Formularen, regelmässigen Teamtreffen, alltäglichen Hausarbeiten, Schulfahrten etc.
In unserer Beschäftigkeit vergessen wir machmal, wie schön es sein kann nichts zu tun, dann geniessen wir die Stille Afghanischer Gastfreundschaft mit ihren leckeren, selbstgemachten Köstlichkeiten und echtem „Chai“ mit viel Zucker (afghanischem Schwarztee). In unserer Engstirnigkeit „mein Haus, mein Garten“ entdecken wir bei ihnen ein immer offenes Haus, indem jeder willkommen ist.
Dank der vielen Kleider-und Spielzeugsspenden ist unsere Familie bestens versorgt und wir haben soviel übrig, dass wir kurzer Hand eine Refugeeum-Kleiderkammer eingerichtet haben ( siehe Rubrik: Deine Hilfe)
Hilfreiche Spenden wie Geschirr, kleine Teppiche, Babysachen und viel mehr kommen auch von direkten Nachbarn des Gasthauses und von anderen Röhrsdorfern,
die mit selbstgebackenem Kuchen unsere Familie besuchen! Danke, das ist grossartig!
Mecid hat mit verschiedenen Kleinarbeiten das Gasthaus noch wohnlicher gestaltet und uns alle damit überrascht, dass er den Saal entrümpelt und aufgeräumt hat, so dass wir hoffentlich bald ein grosses Willkommensfest für Freunde und Nachbarschaft feiern können!IMG_3636