7 Tage Flüchtlingslager

7 Tage verbrachten meine vier Freunde und ich in einem Flüchtlingslager, das inmitten einer kleiner griechischen Hafestadt liegt.
In diesem Lager leben etwas 300 Menschen, hauptsächlich Kurden aus Syrien und der Türkei.
Zwei meiner Zimmernachbarinnen mussten aus der Türkei fliehen, weil sie Kurdinnen sind und friedlich für Demokratie an ihren Uni´s prostestierten.
Es drohen ihnen zehn und zwanzig Jahre Haft. Viele ihrer kurdischen Freunde sind im Gefängnis, Journalisten, Anwälte, Lehrer, Doktoren, nur weil sie nicht komform mit der Politik Erdogans sind. Folter in Form von Isolation ist eine der Hauptmethoden, um die Gefangenen zu brechen.
An zwei Nachmittagen sassen wir am Hafen und blickten aufs Wasser. Meine Freundinnen sangen kurdische Lieder. Die Lieder klangen von solcher Sehnsucht, das mir die Tränen nur so liefen, denn Özgürlük = Freiheit und Würde gehört jedem Menschen.
Das Flüchtlingscamp, ein trister, grauer Plattenbau, ist ein letzter Strohhalm für die, die auf der Flucht sind. Es ist wie eine Zwischenstation, in der man sich neu sammeln und ausruhen kann, nach langen Monaten von Qual und Terror. Einer der Camp-Organisatoren, selbst ein Flüchtling, erzählte mir besorgt über die Zukunft des Camps, denn wohin sollen die 300 Menschen gehen, wenn das Camp innerhalb der nächsten 5 vielleicht 6 Monate geschlossen wird? Die griechische Regierung will das Camp schliessen und bietet keine Alternative.
Die Menschen hier leben friedlich zusammen, sogar eine verrückte alte Dame aus Griechenland, die obdachlos ist, darf mit im Camp leben und wird von allen mit Essen versorgt. An Essen mangelt es, mal gibt es genug, dann wieder viel zu wenig, denn keine Hilforganisation ist mehr zugelassen, weil das Campgebäude, weil die Menschen nicht gewollt sind.
Ich kann die Frauen dort nicht mehr vergessen, ihre Geschichten verfolgen mich, die Bombadierungen in Idlib, die verschlossenen Grenzen-
jetzt sogar zur Türkei, Bombadierungen in Afrin und die Gleichgültigkeit Europas.
Mein Blick schweift nach Bangladesh, wo Tausende oder sind es gar Millionen aus Myanmar unter Zeltplanen auf Essen und irgendeine Zukunft warten. Überall hört man von muslimisch radikalen Gruppen, die vergewaltigen, plündern und morden. Frauen erzählten uns von schwarzgekleideten Männern, die in ihre Häuser stürmten und wahllos Familienangehörige vor ihren Augen erschossen, die Frauen mitnahmen und auf Sklavenmärkten verkauften.
In Idlib bombadiert Assads Militär Rebellen Hochburgen, obwohl dort tausende syrischer Flüchtlinge ihre letzten rettenenden Übergangsbleiben vor dem Krieg gefunden hatten. Vor ein paar Tagen schrieb mir ein junges Mädchen, das wir im Camp kennenlernten, dass 9 ihrer Verwandten bei dem Feuersturm ums Leben kamen. In Afrin verstecken sich Frauen, Männer und Kinder vor den Explosionen. Es mangelt an Essen, Hilfsorganisationen kommen nicht mehr durch. Gebiete und Familien sind zerfetzt vom Krieg. Gestern bekamen wir die Nachricht von einem kurdischen Freund, dass die Menschen aus den Dörfern um Afrin nun fast alle nach Afrin geflohen sind oder sich in Berghöhlen verstecken, denn die türkische Luftwehr greift das Gebiet jetzt von oben an.

Gerade in diesen Stunden ist eine syrische Mutter mit ihren vier Kindern, die ich im Camp traf, wieder auf der Flucht. Als ich sie besuchte und ihre Essen brachte, bat sie mich um Milch für ihr Baby. Ihren kleinsten Sohn, vier Monate, trägt sie auf dem langen Weg in einer Trage, ohne Gurte, unter dem Arm, dazu vollgestopfte Rucksäcke mit dem Allernotwendigsten, auf jedem Rücken der Kinder einen, plus zwei Tragetaschen, keine Rolltasche, damit man an den Grenzen keinen Verdacht schöpft. Sie risikiert alles, läuft die Balkanroute trotz verschlossener Grenzen, hat ihr letztes Geld Schleusern gegeben, nur um endlich wegzukommen vom Terror und Krieg.
In Afrin nahmen muslimische Radikale ihren 15 Jahre alten Sohn gefangen. Zwei Jahre hielten sie ihn gefangen ohne ein Lebenszeichen. Dann kam er plötzlich zurück. Jetzt ist er mit seiner Mutter und seinen drei Geschwistern auf der Flucht zu einem besseren Ort…
Sein Vater, seine Schwester, die Grosseltern bangen in Afrin um ihr Leben.

Der Krieg zerreisst Familien.

Die geschlossenen Grenzen machen es für die meisten Menschen, die auf der Flucht sind unmöglich an eine hoffnungsvolle Zukunft zu glauben.
Dabei gibt kein Recht auf geschlossene Grenzen. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, Menschen daran zu hindern, sich vor Krieg und Verfolgung in Sicherheit zu bringen.

Es ist kalt in dieser Zeit, was bleibt uns übrig? Als hinzugehen, hinzuhören und zu handeln?